Jugendliebe

 


Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz
(von Tamaro)

Heute war der 1. Mai.
Es ist ja ein sehr bedeutender Tag,- in vielerlei Hinsicht.

Erst recht, wenn man die offizielle amtliche Bezeichnung dieses Tages im Bundesland NRW liest:
"Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Ge­rech­tig­keit, Völker­versöhnung und Menschen­würde"

Eine wunderschöne Erklärung und ein wirklicher Anlass, wenigstens einmal im Jahr solcher Grundsätze zu gedenken und zu überlegen, was es bedeutet und wie man es persönlich füllen kann.

Bei mir ist dieser Tag aber auch mit ganz anderen Bildern verbunden.

Der 1. Mai war seit meiner Kindheit davon geprägt, dass an diesem Tag in unserem Garten bei jedem Wetter die Bohnen in die Erde ver­bracht wurden, damit im weiteren Verlauf kleine Bohnenpflänzchen daraus wurden, die stattlich heranwuchsen und schließlich reif zum Pflücken der Bohnen waren.

An diesem Tag waren meistens alle im Garten. Mein Vater und meine Mutter bereiteten das längliche Beet vor und steckten anschließend in gebückter Haltung die einzelnen Bohnen in die Erde.

Einer dieser Tage hat sich mir in der Erinnerung besonders eingeprägt.

Ein paar Tage zuvor hatte ich einen alten Flötekessel von meiner Mut­ter abgestaubt und herausbekommen, wie man darin auf meinem kleinen zusammengestellten Ziegelsteinofen auf einem kleinen Feuer­chen Wasser zum Kochen bringen kann.

Das geht wunderbar einfach mit einer alten Zeitung.
Eine Seite zusammenknäulen, unter den Kessel schieben, anzünden und ständig in die entfachte Flamme blasen.
Es entsteht unter dem Kessel ein wahrer kleiner Glutball mit immenser Hitze und schließlich ist nur noch Glut da.
Sobald diese Glut auch bei weiterem Blasen abnimmt, wird die nächste Seite zusammengeknäult und nachgeschoben, und es geht weiter.

Nun gut, ein bisschen kann einem von dem Pusten zwischendurch mal schummrig vor Augen werden, weil man sich ja auch dabei immer ge­bückt hinknien muss. Und manchmal fangen die Augen auch etwas durch die Hitze und ein bisschen Qualm zu tränen an.
Aber was ein echter Indianer ist, der weiß, dass das zum Feuermachen dazugehört.

Ziemlich bald fängt das Wasser an zu sieden und nach ein paar Minuten gibt es das fröhliche Geflöte der Pfeife auf dem Kessel­deckel­chen an der Schütte.
Es geht viel schneller als mit Holz. Außerdem gibt es an jedem Tag noch die alte Zeitung vom Vortag. Sehr praktisch.

In diesem Jahr hatte ich mich mit meiner großen Sandkasten- und Schaukelliebe fest verabredet, am 1. Mai zum ersten Mal selber draußen Tee aufzugießen.
Pfefferminztee aus den Blättern der Stauden, die wild im Garten am hinteren Beet wuchsen, und die immer für den Tee geerntet wurden.
In einem echten Porzellankännchen eines Puppengeschirrs sollte er zubereitet werden.
Das war mein Plan.

Gerade waren alle unten im Garten, ich hatte das Ziegelsteinöfchen schon vorbereitet, alle Zutaten waren da und meine große Liebe war mit ihren beiden kleineren Schwestern inzwischen auch eingetroffen, da fing es an zu regnen.
Hm,- was nun…?

Meine Eltern kümmerte das gar nicht. Regenhaube auf und sich un­gerührt wie immer über das Bohnenbeet gemacht. Es gibt eben nur einen 1. Mai mit dem traditionellen Bohnenstecken.

Die kleinste Schwester fing natürlich prompt an zu quengeln und wollte wieder rein.
Sie wurde also erst einmal wieder ins Haus gebracht.

Dann warens nur noch drei, die Pfefferminztee haben wollten.

Und da zeigte sich die Genialität dieses Feuermachens mit Zei­tungs­papier.
Selbst bei diesem dauernden Fieselregen funktionierte es mit diesen Papierknäulen.
Es rauchte zwar ein bisschen mehr und dauerte auch ein bisschen länger, aber die Glut war da und ging nicht aus…

Nun ja, der zweitkleinsten Schwester wurde es langweilig: "Wann gibt es denn endlich Tee. Ich will endlich den Tee."
"Das Wasser muss doch erst einmal kochen…"
Aber ein paar Augenblicke später, als es noch nicht kochte: "Ich hab keine Lust mehr. Ich geh wieder rein."

Da warens also nur noch zwei.
Ein Indianer und seine Angebetete, die im hellblauen Trainingsanzug mit hellblonden Haaren in der Lage war, das Herz des Indianers in wallende und wabernde Glut zu bringen, wie der es mit seinen Knäulen von Papier unter dem Wasserkessel machte.
"Sag mal, sollen wir aufhören?"
Aber sie bibberte ein bisschen, denn es war kalt im Regen, und schüttel­te nur den Kopf. Und der Indianer war selig und beeilte sich mit dem Pusten und bekam manchmal dunkle Flecke vor den Augen und Rauschen in den Ohren.

Aufhören hätte ja bedeutet, mit nassen Sachen reinzugehen,- jeder in seine Wohnung. Und was wäre dann aus dem Tag geworden?
An diesem freien Tag nicht draußen zusammensein?
Ein verlorener Tag im Leben… Das wollten wir beide nicht.

Schließlich kam aber doch auch das ersehnte Flöten der Pfeife und das Wasser kochte.
Und dann wurde bei fein strömendem Regen das kochende Wasser auf die frischen Blätter gegossen und von den überbrühten Blättern in der kleinen Kanne strömte ein göttlicher Duft.

Als der Tee durchgezogen war, gab es Eierbecher, in die er aus der Puppenkanne eingegossen wurde, und wir schlürften diesen köst­lich­sten Tee, den wir jemals getrunken haben.

Und mitten im kalten Regen fröstelten wir, aber es war uns warm.
Vom Tee und von der Gegenwart des anderen.

Das musste Liebe sein.
Und es war auch Liebe.

Lange Zeit gesucht und ersehnt, doch nie richtig erfüllt.
Und als wir uns fanden, waren die richtigen Zeitpunkte längst Vergangenheit.
Das Leben hatte etwas anderes mit uns vor…

©Tamaro



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2 Antworten zu Jugendliebe

  1. .. schreibt:

    hallo tamaro,was für eine schöne geschichte, fühle mich gerade ein wenig in der zeit zurück versetzt…lächel!ich glaube wir waren in unserer kindheit..bevor nintendo etc. …einzug in die kinderzimmer hieltwesentlich glücklicher als es die heutige jugend ist!! oder ist es eine altersfrage??? wobei weiß ja garnicht wie alt du bist…nicht das ich jetzt hier in ein riesen fettnäpfchen trete..*lach*!!!also falls du wesentlich jünger sein solltest…upps..verzeihungundversinkinbodenschonmalvorab…*lächel!!!ich wünsche dir eine gute nacht, liebe grüße, marina

  2. Ravea schreibt:

    Eine bezaubernde Geschichte, voller kleiner Filmszenen… und wie wunderbar, wenn die erste große Liebe mit heißem Pfefferminztee verbunden ist! Bei mir sind es unscheinbare Tonknicker, und die habe ich eher selten zur Hand… Liebe Grüße von Ravea :)

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